20.06.2002

Lehrreicher Besuch in der Verkehrs-Arena

P├╝nktlich um 17 Uhr erfolgte der Anpfiff zur gestrigen Sitzung des Verkehrsauschusses. Beinahe tropische Temperaturen im Festsaal Weser des Gegenseitigkeits-Hauses machten den aufgelaufenen Profi-Mannschaften nur wenig zu schaffen. Nach verhaltenem Beginn - die ├╝blichen Eingangsregularien waren schnell abgehandelt - ging es dann gleich zur Sache.

Mit Spannung warteten 24 (sind ja eigentlich zwei zuviel ;-)) Mitglieder der Verwaltung, des Rates und beteiligter Gruppierungen auf den ersten vehementen Sturmversuch des Gegners.Doch zun├Ąchst lie├č es die scheidende Umweltdezernentin Karin Opphard gewohnt sachlich angehen. Ein kleiner R├╝ckblick auf die Vorgeschichte der Einbahnregelung auf dem Theaterwall machte den Anfang (15 Jahre alte Idee). Danach folgte eine Darstellung der Proteste aus dem Dobbenviertel. Nach dieser Vorarbeit pr├Ąsentierte Norbert Klostermann (FD Verkehrskonzepte) den ungl├Ąubigen Ausschu├čmitgliedern die Zahlen der Verkehrsz├Ąhlungen in der letzten Zeit. Danach habe es in allen Stra├čen des Dobbenviertels mit Ausnahme der Bismarckstra├če (+89%) eine Abnahme des Verkehrs gegeben. Selbst in der Herbartstra├če l├Ągen die Werte nach einer anf├Ąnglichen Zunahme jetzt im Minus. Stau-Probleme am Julius-Mosen-Platz seien auf eine notwendige ├änderung der Ampelschaltzeiten sowie etwas mehr Verkehr (z.B. 30 % mehr Busse durch den neuen Fahrplan der VWG) zur├╝ckzuf├╝hren. Das gefahrene Geschwindigkeitsniveau hebe sich nicht von dem anderer temporeduzierter Zonen ab.

Daraus folgte ein erster Schu├č auf das gegnerische Tor: Mit einem Ma├čnahmenpaket sollen die von Anwohnern negativ empfundenen Begleiterscheinungen des Verkehrsversuchs abgefedert werden. Dazu geh├Âren u.a. die ├ľffnung der C├Ącilienstra├če f├╝r den Durchgangsverkehr, die Aufhebung der Einbahnstra├čenregelung auf dem Theaterwall zwischen Gartenstra├če und Roonstra├če sowie eine Verl├Ąngerung der Linksabbiegespur zur Ofener Stra├če hin.

Die CDU-Fraktion warf sich diesem Sturmlauf entschieden entgegen. Der Verkehrsversuch m├╝sse sofort abgebrochen werden. Wenn ein Patient krank sei und bleibe, dann m├╝ssen man ihn eben ... (├╝ber den Rest des Satzes decken wir dann doch lieber den Mantel des Schweigens).

Diesen verungl├╝ckten Ball nahm der Gegner nat├╝rlich gerne wieder auf. In der Folge entstand nun ein munteres Spiel zwischen den Anwesenden.  In schneller Folge wechselten sich Fragen (vor allem der Politiker) und Antworten (vor allem der  Stadtverwaltung) ab. Die Rahmenbedingungen der Verkehrsz├Ąhlungen kamen dabei ebenso zur Sprache wie jede erdenkliche ├änderung an der  Verkehrsf├╝hrung (Einbahn im Uhrzeigersinn oder doch lieber dagegen oder doch ganz um den Wallring rum usw.). Bem├Ąngelt wurde mehrfach, da├č in der ├ľffentlichkeit nur die negativen Aspekte ihren Niederschlag f├Ąnden. PDS, ADFC und die Verwaltung f├╝hrten mehrfach die gestiegene  Sicherheit f├╝r die schw├Ącheren Verkehrsteilnehmer und den ├ľPNV an Theaterwall und Julius-Mosen-Platz auf. Durch die deutlich geringere Verkehrsbelastung in der Lindenallee (-53%) sei auch eine gr├Â├čere  Sicherheit beim dortigen Kindergarten erreicht worden.

Kleine Fehlp├Ąsse tr├╝bten das Geschehen nur gelegentlich. Da wurde fast in einem Atemzug ÔÇťPKW raus aus der Herbartstra├čeÔÇŁ gefordert und dann die Verl├Ąngerung der Linksabbiegespur (auf der Ofener Stra├če) in dieselbe angemahnt, um leichter hineinzukommen (absurd - oder?).

Dem Ende der Spielzeit n├Ąherkommend erh├Âhten die Spieler den Druck auf den Gegner, in dem sie zunehmend den ausgetauschten Informationen Bewertungen folgen lie├čen.

Das ging nicht immer ohne leichte Fouls ab. Der Vorwurf der Polemik machte die Runde, und im Schatten der letzten Ratssitzung sahen einige ihre verkehrsaussch├╝sslichen Kompetenzfelle Richtung Verwaltungsausschu├č davonschwimmen. Dieser sollte ja - wie gemeldet - einen m├Âglichen Abbruch auf seine Kappe nehmen.

Die regul├Ąre Spielzeit endete mit der Kenntnisnahme des Ma├čnahmenpakets der Verwaltung. Der Verwaltungsausschu├č setzt sich in der n├Ąchsten Sitzung dann ein weiteres Mal mit dem Thema auseinander.

Nach dem Schlu├čpfiff verlie├čen die knapp 20 Besucher (nicht gerade WM-taugliche Kulisse) kopfsch├╝ttelnd die Arena. Hatten sie w├Ąhrend des Spiels noch weitgehend leise murrend dem munteren Treiben zugesehen, ging es drau├čen nun entschieden lauter weiter.
(jr)

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Kommentar:

Die pers├Ânliche Einladung

Bei allem Verst├Ąndnis vor  allem f├╝r die Bewohner der Bismarckstra├če: Der Vorwurf, man sei im Vorfeld der Ma├čnahmen nicht beteiligt worden, geht ins Leere. Wenn trotz zahlreicher Einladungen nur wenige Anwohner auf den betreffenden Info-Veranstaltungen anwesend waren, so ist das nicht der Stadt anzulasten. Jetzt zu verlangen, jahrelange Planungen Hals ├╝ber Kopf hinzuschmei├čen, sind ├╝berzogen. Im ├╝brigen liegen alle gemessenen Werte  weitestgehend im Rahmen der Berechnungen aus dem Gutachten.

Und auch wenn inzwischen das eine oder andere Ratsmitglied nicht mehr daran erinnert werden m├Âchte: Die Planung wurde unter Mitwirkung und mit dem Wohlwollen aller Parteien durchgef├╝hrt. Wer jetzt aus politischen Gr├╝nden noch schnell seinen Kopf aus der Schlinge ziehen und die anderen dort h├Ąngen lassen m├Âchte, um das Match noch zu gewinnen,  begeht ein Foulspiel. Entscheidend sind - um es mit Helmut Markwort zu sagen - Fakten, Fakten, Fakten.

Diesem Motto kamen die Mitglieder des Verkehrsausschusses heute im ├╝brigen sehr nahe.
Beste demokratische Verhaltensweisen beherrschten das Bild: Reden und reden lassen war angesagt wie auch das ├Ąu├čerste Bem├╝hen um Sachlichkeit von allen Seiten. Gegner und Bef├╝rworter beharkten sich nicht - wie bei anderer Gelegenheit schon mal vorkommend - in unangemessener Weise. Sch├Ân zu sehen, da├č auch ein so heikles Thema in  dieser Art behandelt werden kann. Die Vorstellung w├Ąre eines gr├Â├čeren Publikums w├╝rdig gewesen.
 
Und genau letzteres  sorgte dann auch f├╝r einen bitteren Beigeschmack: Nach dem Tagesordnungspunkt 4 - also der Einbahnregelung - folgten noch acht weitere, wie jeder Besucher der ausliegenden Tagesordnung entnehmen konnte.  Themen waren u.a. der Ausbau der Roon- und Hindenburgstra├če (Abwasserkan├Ąle m├╝ssen erneuert werden, es k├Ânnte eine ÔÇťRennstreckeÔÇŁ entstehen), der Stand der Dinge beim Stadtteilverkehrskonzept OL-S├╝d inklusive  der B├╝rgerbeteiligung sowie die Verkehrssituation in einigen temporeduzierten Zonen (u.a. Sodenstich, Kandinskystra├če, Milchstra├če ...). Aber wie gesagt: Nach Punkt 4 hatte sich das Publikum schon auf die Heimreise gemacht.

Wer ein wahres Interesse an der ausreichenden Beteiligung (nicht nur) bei verkehrlichen Ma├čnahmen hat, sollte sich schon die M├╝he machen, rechtzeitig und umfassend Infos  einzuholen. Wo w├Ąre der Anfang dazu leichter gewesen als hier? Oder hilft da nur noch die pers├Ânliche Einladung?
(jr)

 P.S. Wie die Mehrheit aller Oldenburger TaxifahrerInnen bin durchaus auch ich der Meinung, da├č eine L├Âsung f├╝r den Theaterwall anders aussehen mu├č als zur Zeit. (Wenn in den letzten Jahren z.B. die marode  Baumreihe am Theaterwall nicht erneuert worden w├Ąre, g├Ąbe es jetzt genau an der richtigen Stelle ausreichend Platz.) Doch die Art und Weise, wie in der ├ľffentlichkeit ├╝ber Bef├╝rworter der jetzigen Regelung  oder auch die Gutachterfirma hergezogen wird, findet nicht meinen Beifall. Wenn jede Kritik an dem Versuch gleich ernst genommen w├╝rde, h├Ątten wir vor jeder Haust├╝r eine andere Verkehrsregelung. Und das kann es ja wohl nicht sein.


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